Raus aus der Abhängigkeit? Suchtmedizin und Substitution
Shownotes
Laut Meldung an das Substitutionsregister befanden sich zum Stichtag 1. Juli 2024 in Deutschland 80.400 beziehungsweise in Bayern 9.770 Patientinnen und Patienten in Substitutionsbehandlung. Dem gegenüber stehen im Freistaat 313 Ärztinnen und Ärzte, die substituieren. Medizinischer Nachwuchs in diesem Bereich wird also dringend gesucht und gebraucht.
Moderator Martin Eulitz spricht diesmal in der Gesundheitsarena mit Dr. med. Rainer Musselmann (Facharzt für Allgemeinmedizin) und Stephan Walcher (Praktischer Arzt und Facharzt für Anästhesie). Sie sind beide jeweils hausärztlich in München niedergelassen und haben sich auf das Gebiet Suchtmedizin spezialisiert.
Mit im Studio sind außerdem zwei Patientinnen, die ihre bewegenden Lebensgeschichten teilen und darüber berichten, wie ihnen die Substitution dabei hilft, ihren Lebensalltag zu bestreiten. „Ohne die Ärzte hätte ich das nicht geschafft“, so die Aussage von A. Schuller. (Die Namen der Patientinnen wurden fiktiv gewählt.)
Dr. med. Marcus Gertzen, Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Augsburg, und einer der Initiatoren der Jungen Suchtmedizin kommt in dieser Folge ebenfalls zu Wort. Die Junge Suchtmedizin ist eine Initiative mit dem Ziel, Suchtmedizin deutschlandweit mehr in der Ausbildung zu verankern und junge Menschen dafür zu begeistern.
Im Gespräch wird klar, dass es Wege aus der Sucht gibt und wie erfüllend eine Tätigkeit in der Suchtmedizin für junge Ärztinnen und Ärzte sein kann.
Mehr Infos rund um das Thema Sucht und Substitution sowie informative Links für Ärztinnen und Ärzte, die sich für das Thema interessieren, haben wir im Folgenden für Sie zusammengefasst:
Zum Bericht des Substitutionsregisters der Bundesopiumstelle (2025):
https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Substitutionsregister/_node.html
Zur Seite der Jungen Suchtmedizin: https://jungesuchtmedizin.de/
Folgen Sie der Jungen Suchtmedizin auch bei Instagram und halten Sie sich über das breite Veranstaltungsangebot auf dem Laufenden: https://www.instagram.com/junge_suchtmedizin/
Zur Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen:https://www.bas-muenchen.de/projekte/angebote/versorgungssituation-opioidabhaengiger/
Zur Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung - BtMVV: https://www.gesetze-im-internet.de/btmvv_1998/BJNR008000998.html
Zu den FAQs zur BtMVV: https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/_FAQ/Betaeubungsmittel/Verschreibungsverordnung/faq-liste.html
Mehr über die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin e. V. (DGS): https://dachverband-sucht.de/deutsche-gesellschaft-fuer-suchtmedizin/
Transkript anzeigen
00:00:00: Leider wird der Sucht und Abhängigkeitserkrankung immer häufig noch als Charakterschwäche gesehen.
00:00:05: Und es ist schon lange anerkannt als psychische Erkrankung.
00:00:09: Diese Menschen brauchen eine helfende Hand, eine Hilfestellung.
00:00:12: Und wenn sie die bekommen, können auch diese Menschen wieder selbst bestimmt einen Alltag leben.
00:00:16: Willkommen in der Gesundheitsarena, dem Podcast der KV Bayerns.
00:00:22: Bei uns dreht sich alles um die ambulante medizinische Versorgung der Menschen im Freistaat
00:00:28: und wie wir sie verbessern können.
00:00:30: Unser Thema heute in der Gesundheitsarena ist die Suchtmedizin.
00:00:36: Und wir haben zum Start ein Zitat gehört von Dr. Markus Gerzen.
00:00:40: Er ist Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Augsburg.
00:00:47: Wir sprechen heute mit Ärzten und mit Patientinnen darüber, wie man in eine Abhängigkeit geraten kann
00:00:53: und welche Wege man finden kann, mit der Sucht umzugehen.
00:00:56: Und wir haben uns zwei Experten aus der Suchtmedizin eingeladen,
00:00:59: zwei Münchner Ärzte, die seit vielen Jahren in der Suchtmedizin tätig sind
00:01:04: und die beiden haben auch zwei Patientinnen mitgebracht, die heute hier sprechen werden.
00:01:09: Deswegen ist unser Studio heute so voll, wie es noch nie war.
00:01:12: Herzlich willkommen, Ihnen vielen.
00:01:14: Hallo.
00:01:15: Hallo, vielen Dank.
00:01:16: Wir fangen an mit den beiden Ärzten, mit Dr. Rainer Musselmann und Stefan Walcher.
00:01:20: Sie sind in München seit vielen Jahren als Suchtmediziner tätig. Was ist Suchtmedizin überhaupt?
00:01:27: Ich dachte zunächst auch, dass es relativ einfach ist, dass es das Suchtmedizin beschränkt ist auf ein paar Süchte.
00:01:35: Aber tatsächlich hat jeder von uns irgendwo schon mal mit Suchtpatienten zu tun gehabt.
00:01:40: Es ist ein sehr vielschichtiges Problem in der Gesellschaft.
00:01:44: Kein Opioidabhängiger ist nur opioidabhängig, sondern da hängen noch viele andere Substanzgebräuche
00:01:50: oder auch abhängiges Verhalten gegenüber anderen Substanzen
00:01:53: und nicht zuletzt natürlich immer Alkohol und Rauchen und natürlich THC.
00:01:58: Das heißt, von daher ist es schon ein vielfältiges Spektrum an Krankheiten,
00:02:01: das weit über die Opioidabhängigkeit hinausgeht.
00:02:05: Und dann kommt halt noch dazu, dass kaum einer den jahrelangen Suchtmittel-Konsum heil übersteht.
00:02:11: Also da hängen dann jede Menge nicht nur psychiatrische Erkrankungen,
00:02:14: sondern auch somatische Erkrankungen dran ganz weit vorne, die sogenannten Bloodborne-Viruses.
00:02:20: Das heißt, die Viren, die über Blutkontakt oder auch über Geschlechtskontakt übertragen werden,
00:02:24: wie die Hepatitis B und C und letztlich auch die A irgendwie dazu, natürlich HIV.
00:02:29: Und eine Vielzahl an einen Geschlechtserkrankungen, die übertragen werden.
00:02:33: Aber auch viele Krankheiten, die einfach durch dauernd schlechte Ernährungsverhältnisse
00:02:37: durch das Missbrauchen des Venensystems, durch verschiedene Folgen der chronischen Infektion
00:02:44: mit sich bringen, dann die klassischen Krankheiten, die durch Rauchen zum Beispiel entstehen,
00:02:48: wie Krebs im Hals oder an der Zunge, in der Lunge, an der Brusthater, an der Haut,
00:02:53: an Zähnen, die ausfallen, an Herzklappen, die besiedelt werden durch chronische Infektionen.
00:02:58: Also ich könnte jetzt noch eine halbe Stunde so weiterreden.
00:03:00: Das heißt, das Fach Suchtmedizin ist eigentlich ein ganz, ganz tolles Querschnittsfach,
00:03:06: was eine Vielzahl an Erkrankungen mitbedeckt.
00:03:09: Also eigentlich gibt es kaum was spannenderes.
00:03:12: Wir sind ja der Reiner schon drüber eigentlich und ich noch ein bisschen davor,
00:03:17: oder ich bin eigentlich auch schon Rentner neuerdings.
00:03:19: Mich hat halt an dem Punkt mal jemand gefragt, jetzt aus der Verwandtschaft,
00:03:23: sagen wir mal, wenn du heute nochmal an dem Punkt wärst, was würdest denn du anders machen?
00:03:28: Da habe ich eigentlich nicht lange nachdenken müssen, um zu sagen,
00:03:31: "Nö, da würde ich nichts anders machen."
00:03:32: Gilt das für Sie auch, Herr Dr. Musselmann?
00:03:34: Ich habe ja sehr viele Bereiche der Medizin kennengelernt.
00:03:37: Also ich war in der Kirurgie, ich war auf der Intensivstation,
00:03:40: ich habe Brandverletzte behandelt, ich habe in der Gynäkologie, in der Dermatologie gearbeitet,
00:03:46: in der Kardiologie und letztendlich bin ich über die vielen Jahre hinweg jetzt
00:03:52: einem Fach treu geblieben und das ist die Suchtmedizin.
00:03:54: Und was mein Kollege eben schon gesagt hat, ist eben, was mich dabei fasziniert,
00:03:59: ist diese Vielschichtigkeit ist auch das Patienten-Klientel,
00:04:04: die auch so dankbar sind, wenn wir sie behandeln.
00:04:07: Und wir behandeln sie ja nicht nur einen Tag, zwei Tage, wie vielleicht in der Kirurgie oder mal eine Woche,
00:04:13: sondern wir behandeln sie über sehr lange Zeiträume.
00:04:16: Und wir sehen die Entwicklungen und wir sehen eben auch die Erfolge, die wir letztendlich haben.
00:04:22: Und wenn wir die Patienten begleiten können, mit ihren Erkrankungen
00:04:27: und auf ihrem Weg in die Gesellschaft zurück und eben auch ihnen dazu verhelfen, dass sie gesunden,
00:04:34: dann ist das ein großer Erfolg, den wir sehen und den wir auch haben wollen.
00:04:39: Und dazu ist es ja auch notwendig zu bedenken, dass wir damit ja nicht nur den Patienten helfen,
00:04:45: sondern in der ganzen Familienstruktur und tatsächlich auch eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft wahrnehmen.
00:04:50: Sie haben auch von den Patientinnen, die dankbar sind, gesprochen
00:04:54: und zwei haben wir jetzt hier, zwei Frauen, die im Leben stehen, hat man den Eindruck
00:04:59: und ich fange mal bei Ihnen an, Frau Schuller, warum sind Sie in eine Sucht geraten?
00:05:05: Ich glaube, das ging schon los, als meine Eltern sich am Scheiden lassen, da war ich sechs Jahre alt
00:05:10: und bin dann mit meinem Bruder bei meinem Vater geblieben.
00:05:14: Und wir sind dann damals umgezogen und da habe ich mich sehr unwohl gefühlt in der neuen Umgebung
00:05:20: und hatte auch keine Freunde und so weiter.
00:05:23: Und mein Bruder hatte dann damals tatsächlich mit Drogen eben experimentiert,
00:05:28: der hatte gekifft, was halt junge Leute so machen.
00:05:32: Und dadurch bin ich dann da auch dran gekommen und mein Bruder hat dann tatsächlich aufgehört.
00:05:38: Bei ihm war das mehr so, weil es cool war und ich hatte Drogen genommen
00:05:43: und habe gerade dann beim Heroin gemerkt, da will ich bleiben.
00:05:49: Also ich hatte ein paar Jahre lang gekifft, Kokain und diese Party Drogen und alles
00:05:55: und irgendwann kam auch das Heroin im Spiel und dann habe ich mit allen anderen Drogen aufgehört.
00:06:00: Also es war wirklich nur noch Heroin und das ging über sehr, sehr viele Jahre
00:06:06: bis ich dann irgendwann in Haft kam und nach der Haft ging es eigentlich gleich wieder weiter.
00:06:13: Das Problem war, ich hatte trotzdem meistens gearbeitet.
00:06:18: Also ich hatte mir mein Leben auch so noch irgendwie finanzieren können immer.
00:06:22: Es war praktisch, aber die Angst kam dann natürlich vor der Polizei
00:06:26: und was ist, wenn wieder und es ging ja auch nicht mehr so weiter, weil der Körper geht immer weiter kaputt.
00:06:32: Und dann bin ich damals zum Reinhard und zum Steffen gekommen
00:06:36: und am Anfang war ich ja oft rückfällig
00:06:41: und so im Laufe der Jahre habe ich mich dann wirklich wieder mit Drogen komplett aufgehört.
00:06:48: Ich habe also auch in meinem Unfällt jetzt niemand mehr der Drogen nimmt
00:06:51: und ich bin die einzige quasi, aber ich habe mein Leben so in Griff bekommen.
00:06:58: Wie lange dauerte die Abhängigkeit insgesamt bei Ihnen?
00:07:01: Also ich war abhängig seit meinem 15./16. Lebensjahr
00:07:06: dann sicher bis Anfang 30 noch sehr intensiv heroinsüchtig
00:07:14: und jetzt bin ich schon lange bei Euch.
00:07:18: Also sicher 20 Jahre oder so knapp bin ich jetzt dort in Behandlung.
00:07:23: Also den Körper kann man ja nicht mehr rückgängig wieder gesunden,
00:07:26: aber auf alle Fälle so, dass er stabil in dem "Ja, so bleibt wie er ist jetzt",
00:07:32: das hat halt doch alles, das macht viel, wenn deine Beine kaputt sind.
00:07:40: Hepatitis C hatte ich auch über viele Jahre.
00:07:43: Da wurden dann die Virenlast immer schlimmer
00:07:46: und habe ich auch dank den beiden damals schon als eine der ersten dann
00:07:51: in die Behandlung begonnen gehabt und habe Hepatitis C ausgeheilt.
00:07:55: Ich habe dann im Laufe der Jahre meine Zähne machen lassen wieder
00:07:59: und weil ich früher mal dachte, warum soll ich meine Zähne machen lassen,
00:08:02: die gehen eh wieder kaputt oder ja.
00:08:05: Also es hat das ganze Leben einfach wieder ohne Ängste auch,
00:08:10: dass man, weil als Drogensüchtiger, du bist ja ständig,
00:08:13: gerade in Bayern, auch mit den geringsten Drogen bekommst du Probleme
00:08:19: und Führungszeugnis und das wollte ich halt alles nicht mehr haben.
00:08:23: Also ich wollte einfach ein reines Führungszeugnis haben
00:08:26: und auch nicht mehr da auf der Szene rumhängen,
00:08:29: weil wo habe ich mir meine Drogen besorgt auf der Szene.
00:08:32: Wie ist es Ihnen gelungen, da völlig rauszugehen?
00:08:36: Wie haben Sie das geschafft?
00:08:38: Ich glaube, das war ein Prozess im Laufe der Jahre.
00:08:41: Ich hatte mich noch nie richtig irgendwie auf der Szene dazugehörig gefühlt,
00:08:45: weil ich eben auch immer schon gearbeitet hatte,
00:08:48: aber mochte natürlich auch die Leute und alles
00:08:51: und dass das dann aufgehört hat, das war schon eine Entscheidung.
00:08:55: Also wenn man älter wird und dann sieht,
00:08:58: also du machst dich immer weiter kaputt,
00:09:01: das ist, irgendwas willst du ja für die Zukunft auch dir noch aufbauen.
00:09:05: Ich hatte zwar viel gearbeitet
00:09:08: und ja, dass einfach mit der Familie wieder zusammenkommen war,
00:09:12: war mir sehr, sehr wichtig, weil der Familienkontakt geht ja auch weg.
00:09:15: Wenn man in seinen Depressionen hängt oder so,
00:09:18: man meldet sich nicht und die machen sich Sorgen
00:09:21: und also ich bin die einzige meiner ganzen Familienkontakte
00:09:24: und die einzige meiner ganzen Familie, die so eine Suchtgeschichte hat.
00:09:27: Ich komme aus einem ganz tollen Elternhaus eigentlich.
00:09:30: Sind Sie in Ihrem Elternhaus wieder angenommen worden?
00:09:33: Ja, absolut.
00:09:35: Also wir fahren auch gemeinsam in Urlaub mittlerweile,
00:09:38: meine Eltern, mein jetziger Lebensgefährte eben
00:09:41: und ich, mein Lebensgefährte hat auch nichts mit Drogen zu tun.
00:09:44: Der weiß das von mir logischerweise,
00:09:47: aber ja, wir sind wieder Familie geworden
00:09:50: und das ist dank, würde ich schon sagen,
00:09:53: ein großen Teil dank an Euch.
00:09:55: Ja, das wäre meine Frage auch noch gewesen.
00:09:57: Wie viel Anteil haben die Ärzte, die Sie betreut haben in der Praxis?
00:10:00: Ärzte haben daran den größten Anteil.
00:10:02: Wäre ich nicht in der Substitution gelandet
00:10:04: und hätten die mich auch nicht durch Rückfälle und so begleitet,
00:10:07: dann hätte ich irgendwann gesagt, dann beginne ich wieder zu dielen
00:10:10: nebenbei damit, weil so viel Geld verdienst du ja nicht,
00:10:13: in deinem normalen Job.
00:10:15: Ja, dann wäre ich immer wieder mit einem Bein im Gefängnis gewesen.
00:10:18: Ich weiß nicht, wie ich die Sucht so bewältigt hätte.
00:10:23: Kann ich nicht sagen, also ohne die Ärzte wüsste ich nicht.
00:10:28: Ja, kann ich nur sagen, großen Respekt für Ihre Leistung.
00:10:31: Es ist schon eindrucksvoll, was Sie jetzt gerade hier beschrieben haben.
00:10:35: Sie haben unter anderem auch die Substitution erwähnt.
00:10:38: Fragen wir mal die Experten, was man darunter genau zu verstehen hat.
00:10:42: Zunächst einmal ist Substitution der Ersatz eines Präparates durch ein anderes.
00:10:49: Und in der Substitutionstherapie verstehen wir grundsätzlich darunter,
00:10:54: dass wir die Originalsubstanz eines illegal eingenommen Opioids
00:11:00: durch ein vorgegebenes synthetisches Opioid ersetzen.
00:11:04: Also es wird eine gefährliche, süchtig machende Substanz durch eine andere,
00:11:08: aber auch nicht ganz ungefährliche Substanz ersetzt?
00:11:11: In der Regel ja, der Vorteil bei den Substitutionspräparaten ist,
00:11:15: dass die eine 24-Stunden-Wirkung haben und die Applikationsform in der Regel oral ist
00:11:21: und unter kontrollierten Umständen abgegeben wird.
00:11:24: Und da sind einige Substanzen zugelassen in der Substitutionstherapie.
00:11:29: Am bekanntesten ist das das Metadon, der Abkömmling, daraus ist das Elpolamidon.
00:11:35: Dann kennen wir das buprenorphin.
00:11:38: Dann können wir retardiertes Morphine einsetzen.
00:11:41: Oder wir können auch Diamorphine einsetzen in Spezialambulanzen,
00:11:46: wo dann Heroin praktisch intravenös gegeben wird.
00:11:50: In seltenen Fällen gibt es auch noch Codein-Substitution.
00:11:53: Das spielt auf dem Markt aber keine Rolle mehr.
00:11:56: Vor allem werden diese Substanzen eben auch durch die Krankenkassen ersetzt,
00:12:01: sodass der Patient nicht mehr illegal seine Drogen auf dem Markt kaufen muss
00:12:05: und damit ein sorgenfreieres Leben ermöglicht wird.
00:12:10: Und was natürlich auch wesentlich ist,
00:12:13: es sollte ja immer eine Begleittherapie stattfinden in der Substitutionstherapie.
00:12:17: Unser zweiter Gast heute hier ist Frau Satzinger.
00:12:20: Ich möchte dazu sagen, die Namen unserer beiden Patientinnen sind fiktiv.
00:12:25: Das sind nicht deren echte Namen.
00:12:27: Frau Satzinger, bitte nehmen Sie uns mit,
00:12:30: wie Sie damals in die Drogenabhängigkeit geraten sind.
00:12:33: Ich bin jetzt heute 59 und angefangen hat das Ganze mit 14.
00:12:40: Ich habe mit 12, 13 Christiane F. gelesen.
00:12:45: Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen.
00:12:50: Ich habe meinen Vater nie kennengelernt.
00:12:53: Und dieses Buch hat mich begeistert.
00:12:57: Das war ja eigentlich als Abschreckung gedacht.
00:13:00: Aber mich hat es wie viele andere begeistert.
00:13:04: Und ich war damals auf dem Gymnasium.
00:13:08: Und mir ist auf dem Gymnasium was passiert, was nicht okay war.
00:13:13: Ich war in einem Jahr, wo es mir richtig Spaß gemacht hat,
00:13:17: wo wir waren in ein neues Schulgebäude umgezogen.
00:13:20: Und ich war Klassenbeste.
00:13:22: Und am Tag der Zeugnisse hat dann unsere Klassenlehrerin gesagt,
00:13:27: so und der Klassenbeste oder die Klassenbeste kriegt ein Buch geschenkt.
00:13:31: Alle gucken mich erwartungsvoll an.
00:13:34: Und dann ging das Buch an eine andere Schülerin.
00:13:37: Ich habe es einfach nicht verstanden.
00:13:39: Etwa später wurden die Zeugnisse verteilt.
00:13:42: Und ich hatte in dem Jahr sehr, sehr viele Einzerge gehabt,
00:13:45: in meinen Schulaufgaben und so.
00:13:47: Und im Zeugnis hatte ich überall Zweier.
00:13:50: Und ich konnte es nicht verstehen.
00:13:52: Für mich ist der Boden weggebrochen.
00:13:54: Ich hatte keinen Vertrauen mehr.
00:13:56: Und da bin ich dann, habe ich mir gedacht, ich fahre diesen anderen Film.
00:14:02: Also ich habe einfach was für mein Leben gebrauchten,
00:14:04: Inhalt und ich dachte, ich finde den dort.
00:14:07: Und habe dann mit Herr Ruin angefangen.
00:14:12: Und habe auch wirklich mit 14 Jahren angefangen anzuschaffen.
00:14:17: Und um mir mein Geld zu verdienen, habe auch gut verdient,
00:14:21: konnte meine Sucht finanzieren.
00:14:23: Und bin dann irgendwann, ja, Polizei, im Maßregelvollzug gelandet.
00:14:28: Dort bin ich schwanger geworden, was auch nie hätte passieren dürfen.
00:14:33: Wurde dann aus dem Maßregelvollzug in eine offene Mutter-Kind-Therapie entlassen,
00:14:39: kurz vor der Geburt meines Sohnes.
00:14:41: Und habe dann meinen Kind zur Welt gebracht.
00:14:44: Ich hatte auch geheiratet im Maßregelvollzug, den Vater des Kindes.
00:14:48: Und nach der Entlassung hat sich dann leider rausgestellt,
00:14:54: dass der Mann, der war absolut gewalttätig.
00:14:59: Und also von daher hat das mit dem Kleensein danach nicht lange geklappt.
00:15:06: Ich war so sehr traumatisiert von dem, was ich da erlebt habe.
00:15:12: Also der hat mir meine Knochen gebrochen, meine Zähne ausgeschlagen.
00:15:16: Und letztendlich mein Kind weggenommen, wie wir uns getrennt haben.
00:15:22: Und dann bin ich in Frankfurt gelandet.
00:15:26: Und habe dann, ja, ich glaube, noch zwei Jahre in Frankfurt gelebt.
00:15:31: In der Kaiserstraße bin dort anschaffen gegangen.
00:15:34: Und das war '89.
00:15:37: Und damals, der erste HIV-Test kam raus.
00:15:42: Ganz viele Leute waren positiv.
00:15:44: Ich überraschende dabei sie nicht.
00:15:46: Und damals ging es los mit der Substitution.
00:15:49: Allerdings nur für HIV-Positive Prostituierte.
00:15:53: Also nicht um uns zu schützen, sondern um die Freier zu schützen.
00:15:57: Und ich hatte, das wäre irgendwie, ich dachte, damit kann ich schaffen, normal zu leben mit Substitution.
00:16:05: Aber ich habe dann auch versucht, mich anzustecken.
00:16:08: Ich habe die Spritze meiner HIV-Positiven Freundin benutzt.
00:16:13: Und glücklicherweise habe ich mich nicht angesteckt.
00:16:18: Aber ich hätte das in Kauf genommen.
00:16:21: Welches Lebensgefühl hatten Sie damals, wenn Sie zurückdenken?
00:16:24: Wollten Sie da überhaupt noch leben?
00:16:27: Also vor allem der Verlust meines Kindes.
00:16:30: Das war absolut traumatisch.
00:16:33: Und dann habe ich ein Freier kennengelernt, ein Amerikaner.
00:16:40: Und der hat mich gefragt, ob ich mitgehen möchte nach New York.
00:16:46: Und nachdem ich ja meinen Kind nicht mal besuchen durfte.
00:16:50: Und ich wusste in Amerika, haben die Substitutionen und dann bin ich mitgegangen.
00:16:55: Und wurde dann innerhalb einer Woche dort substituiert mit Polyamidon.
00:17:02: Ja, und dann wurde mein Leben endlich besser.
00:17:06: Endlich besser bedeutet?
00:17:08: Ich musste jeden Tag in die Substitutionspraxis, um da mein Substitut zu nehmen.
00:17:14: Aber mein Leben kam wieder in normale Bahnen.
00:17:17: Ich habe dort eine Schule besucht, erst mal meine Englischkenntnisse zu verbessern.
00:17:21: Und habe dann einen Job gekriegt in der Kirche.
00:17:25: Ich habe da als Gemeindesequitärin gearbeitet.
00:17:28: Ich habe mich stabilisiert, wie ein normales Leben geführt.
00:17:33: Und dank der Substitutionen, das hat mir ein Gefühl gegeben, als ob ich ganz bin.
00:17:42: Also ein Normalheitsgefühl.
00:17:47: Was ich vorher nicht hatte, ich war sehr depressiv vorher.
00:17:51: Und was war mit der Sucht nach Drogen? War die noch da?
00:17:55: Nein, eigentlich überhaupt nicht mehr.
00:17:58: Mir hat das zu dem Zeitpunkt völlig gereicht.
00:18:03: Ich bin dann wieder nach Deutschland zurück, weil ich mein Kind zurück wollte.
00:18:07: Wurde dann allerdings in Frankfurt immer noch nicht substituiert.
00:18:11: Das war dann 1991/92.
00:18:13: Das war immer noch hauptsächlich für HIV-Positive.
00:18:18: Und dann hat mir damals Dr. Hofmeister, der erste Ärzte in Deutschland, substituiert.
00:18:26: Er hat mir eine Adresse in München gegeben.
00:18:29: Dann bin ich nach München.
00:18:31: Ich wurde dort Patientin.
00:18:34: Ich habe dann angefangen, mein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen.
00:18:39: Das heißt, seit über 30 Jahren sind Sie in München?
00:18:43: Sind in der Substitution nach wie vor? Wie oft sind Sie dauernd in der Praxis?
00:18:48: Also mittlerweile nur noch zwei Tage die Woche. Den Rest habe ich kaum.
00:18:53: Ja, mein Leben, das verlief dann nicht die ganze Zeit glatt.
00:18:58: Da kamen noch einige Höhen und Tiefen.
00:19:00: Ich hatte unter anderem eine Benzodiazepinsucht über zehn Jahre.
00:19:04: Und der Ausstieg, das war das härteste, was ich je in meinem Leben gemacht habe,
00:19:10: hat, also nachdem ich entzogen habe körperlich, hat das noch ein Jahr gedauert,
00:19:17: bis ich wieder mich normal gefühlt habe.
00:19:20: Und jetzt, in Ihrer jetzigen Situation, würden Sie sagen, Sie sind gesund?
00:19:25: Gesund bin ich sicher nicht.
00:19:27: Ich habe einige Folgekrankheiten aus der Suchzeit.
00:19:30: Ich habe ja auch injiziert.
00:19:32: Aber ich bin ungefähr 2009, bin ich ins betreute Wohnen gegangen.
00:19:38: Das ist nämlich eine Sache, die ganz interessant ist,
00:19:42: wenn man substituiert ist, dass man sich auch noch andere Unterstützung holt.
00:19:47: Also es ist zum Beispiel nicht möglich, eine Psychotherapie zu machen
00:19:51: als Substitutionspatient.
00:19:54: Und im betreuten Wohnen hat man zumindest Unterstützung von Sozialarbeitern
00:20:02: oder auch Psychologen.
00:20:04: In der Zeit, jetzt seit 2009 hat sich eigentlich jetzt nachgedacht.
00:20:08: der Benzo Abhängigkeit, mein Leben wieder. Also ich finde eigentlich überhaupt erst
00:20:15: jetzt habe ich das Gefühl, bei mir selbst angekommen zu sein.
00:20:19: Und eine Frage noch, was es mit ihrem Sohn hat?
00:20:23: Ja, ja, das ist ja mittlerweile 39 und klar, der lebte dann bei mir. Der hat zwar auch
00:20:29: einige wirklich schlechte Zeiten von mir miterlebt, aber er konnte bei mir dann aufwachsen und
00:20:36: wir haben ein gutes Verhältnis.
00:20:38: Also man kann sagen, unter aller schwierigsten Umständen ein Happy End.
00:20:42: Ja, ich habe dann vor ein paar Jahren beschlossen, mein Abitur nachzuholen, weil ich ja damals
00:20:50: aus der Schule raus bin und habe dann angefangen, erst habe dann Qualienach gemacht, dann
00:20:55: die mittlere Reife. Und jetzt möchte ich eben das Abitur nachmachen, auch wenn ich schon
00:21:00: ein älter bin, ich möchte noch studieren, damit ich, ja, wenn ich dann mal in Rente
00:21:05: gehe, mir einfach auch ein Hobby habe oder einen Zusatzverdienst haben kann.
00:21:13: Das waren jetzt zwei Beispiele, wo man auch als Laie nachvollziehen kann. Das ist toll,
00:21:17: wenn man Menschen so helfen kann. Sie hatten es eingangs gesagt, Herr Dr. Musselmann, das
00:21:21: war glaube ich für Sie ja auch der Grund, warum Sie sich der Suchtmedizin gewidmet haben.
00:21:25: Ja, natürlich. Man muss dazu sagen, dass wir jetzt heutzutage selten nur mit einer Sucht
00:21:33: zu tun haben. Sondern oftmals kommt es eben vor, dass Patienten, die eine Abhängigkeitserkrankung
00:21:40: haben und auch in der Substitution sind, dann damit nicht ganz glücklich sind, sondern
00:21:45: sie brauchen dann noch oftmals irgendetwas, was ihnen den lang vermissen und ersehnten
00:21:51: Kick zurückbringt. Das heißt, sie springen dann auf irgendwelche anderen Drogen auf,
00:21:56: die dann eben schwer loszuwerden sind. Und dann hängt es immer davon ab, was gerade verfügbar
00:22:03: ist. Verfügbar ist natürlich immer der Alkohol. Das heißt, früher war es eben so, dass der
00:22:08: klassische Heroinabhängige eigentlich nichts mit Alkohol zu tun haben wollte und heute
00:22:13: vermischt sich das schon. Das heißt, wir haben die Heroinabhängigkeit und dann die Alkoholabhängigkeit
00:22:19: bei Einzelnen. Und dazu kommen dann noch die Medikamente. Es gibt sehr viele Medikamente,
00:22:25: die eine beruhigende Wirkung haben. Diese Substanzen scheinen noch zusätzliche Bedürfnisse
00:22:29: abzudecken bei einigen Patienten, die die blose Substitution alleine nicht schafft. Und was
00:22:35: natürlich auch ein Problem ist, dass oftmals eine Substanz konsumiert wird, deswegen, weil
00:22:40: diese Substanz irgendeine zugrunde liegende Erkrankung, vor allem auch psychische Erkrankungen
00:22:45: behandeln soll. Und wenn sie substituiert sind, dann entdecken wir erst so nach und nach
00:22:50: die psychischen Störungen, die bei den Patienten sind. Und da kommen wir in die Pretolier,
00:22:54: dass eben dann nicht die Behandlungsplätze zur Verfügung stehen.
00:22:57: Wird es auch Herr Waldcher so Ihrer Meinung, dass die Suchterkrankung gesellschaftlich eher
00:23:03: geächtet ist, denn anerkannt ist?
00:23:05: Naja, ein bisschen hat sich's schon geändert. Also ich, vor 35 Jahren oder 30 Jahren mal
00:23:11: gefragt wurde, hey, was machst denn du so? Und ich habe gesagt, ja, ich bin es desist
00:23:16: und mache so Intensivmedizin, Schmerztherapie. Dann bin ich auch noch in die Allgemeinmedizin
00:23:22: eingebogen und habe dann die Schmerztherapie ein bisschen ausgebaut und da kamen dann viele
00:23:26: Süchtige. Da bin ich dann irgendwie mehr auf das Thema Suchteingegangen. Heute bin ich
00:23:31: Suchtmediziner und dann haben die damals gesagt so, mhm, so. Naja. Und man hat genau gehört,
00:23:39: es schwingt so ein bisschen Beileid mit so eine tolle Ausbildung und dann so ein scheiß
00:23:42: Beruf. Heute hat sich das bisschen geändert. Das heißt, die Wahrnehmung von der Tatsache,
00:23:49: dass ich bei der Ausbildung dann Suchtmedizin mache, ist eher interessiert. Das Thema Sucht
00:23:55: ist ein bisschen mehr angekommen in der Gesellschaft. Wir haben auch kräftig mitgewirkt, ich war
00:24:00: viele Jahre da in den verschiedenen Fachgesellschaften und ich habe aber auch viele Fernsehproduktionen
00:24:07: zum Beispiel mitbetreut, so ganz normale, so was wie Marienhof. Da kam dann plötzlich
00:24:11: mal einen Substituierter vor und so kommt man dann nicht um 20 Uhr in die Nachrichten,
00:24:16: sondern um 18 Uhr in das Vorabendkino und da erreicht man dann genau die Familien, genau
00:24:23: die Leute, die man erreichen will. Dr. Markus Gerzen, er ist Oberarzt für Psychiatrie,
00:24:30: Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Augsburg und einer der Mitstreiter der jungen
00:24:36: Suchtmedizin. Wir haben ihn eingangs gehört, wir hören ihn jetzt noch ein zweites Mal
00:24:41: hier zu der Thematik. Wo sind die Probleme in der Suchtmedizin?
00:24:45: Die junge Suchtmedizin ist eine Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, Suchtmedizin
00:24:51: mehr in die Ausbildung zu bringen und junge Menschen davon zu begeistern, im ganzen bundesdeutschen
00:24:55: Gebiet. Prima sind die aktuellen Herausforderungen vor allen Dingen, dass es wenig Nachwuchs
00:25:02: gibt. Das bedeutet speziell im niedergelassenen Bereich gibt es viele Ärztinnen und Ärzte,
00:25:08: die in den nächsten Jahren in Rente gehen und das erzeugt eine große Lücke speziell,
00:25:14: was die Versorgung zum Beispiel von Patienten in einer Substitutionsbehandlung betrifft.
00:25:19: Leider Gottes hat Suchtmedizin ja immer eine Art schlechten Ruf, sage ich jetzt mal. Es
00:25:26: ist natürlich viel Stigmatisierung einfach von suchtkrankem Menschen. Auf der anderen
00:25:30: Seite wissen viele Menschen aber auch gar nicht, wie toll man suchtkrankem Menschen helfen
00:25:36: kann und das bedeutet, die eine Seite wäre ein bisschen mehr Aufklärung und die andere
00:25:42: Seite Begeisterung für das Fach zu schaffen, um Menschen dazu zu bringen, sich vielleicht
00:25:47: in Zukunft mehr mit der Materie auseinanderzusetzen und vielleicht auch in die Richtung ihren
00:25:51: Beruf auszurichten. Und das war der Grund, was uns dazu bewegt hat, diese Initiative
00:25:58: einfach an den Start zu bringen.
00:25:59: Um es mal knallhart zu formulieren, Herr Dr. Musselmann, Herr Weichert, Sie sind nicht
00:26:03: mehr die Allerjüngsten, Sie haben es vorher schon anklingen lassen. Wie wird es bei Ihnen
00:26:07: denn mal weitergehen, wenn Sie sagen, ich mache das nicht mehr?
00:26:10: Sobsi bis zum Tode.
00:26:12: Na ja, bei mir lässt sich die Frage ja ganz einfach beantworten. Ich bin schon längst
00:26:18: in Ruhestand und arbeite weiter. Erstens, weil die Patienten mich interessieren. Zweitens,
00:26:24: weil ich das Gefühl habe, dass ich in diesem Bereich auch wirklich gebraucht werde. Gerade
00:26:28: auch, wenn immer weniger Ärzte in dem Bereich arbeiten und danach wuchs noch etwas stockt,
00:26:35: dann sehe ich darin, meine Aufgabe auch, junge Leute noch ran zu ziehen. Wir sind ja
00:26:40: auch Ausbildungspraxis, wir bilden auch ständig junge Ärzte aus und solange ich denen noch
00:26:45: was vermitteln kann, werde ich das tun. Und das Nächste ist, dass es einfach Spaß macht.
00:26:52: Es ist Teamarbeit und wenn man da ein gutes Team hat, dann macht es Spaß, in so einem
00:26:56: Team zu arbeiten.
00:26:57: Also irgendwann stellt sich natürlich immer die Frage im Leben von einem Substitutionsarzt.
00:27:04: Ich habe jetzt substituiert jahrelang, habe eine große Allgemeinpraxis in Ort XY und
00:27:11: was mache ich, wenn ich aufhöre? Dann sagen viele jung Mediziner, ja, ja klar, deine Praxis
00:27:15: übernehme ich gerne, aber die Patienten müssen wir irgendwie anders unterbringen. Und dann
00:27:20: gehen die Leute halt bis zu 75 sind nicht in Rente oder sie bleiben wie in Passau zum
00:27:24: Beispiel, die Kollegen, die hat die Praxis längst abgegeben, aber die Patienten haben
00:27:28: sie ihr gelassen. Die Substituieren, also die war früher Allgemeinärztin mit Substitution,
00:27:32: jetzt ist sie Allgemeinärztin ohne Allgemeinmedizin nur mit Substitution.
00:27:36: Jetzt gibt es den Einpunkt, man steht ja so ein bisschen immer mit einem Fuß im Gefängnis
00:27:40: als Substitutionsarzt.
00:27:42: Ja, wir haben 2015 bis 2017 ein Haufen Punkte gesammelt, was wir unbedingt brauchen, damit
00:27:49: wir so weiter substituieren können. Damals gab es gerade so einen Streik von Medizinern
00:27:54: in Niederbayern gedrohtes Handwerk niederzulegen, wenn nicht bis zum Datum X eine Veränderung
00:27:58: eintritt. Weil da wurde einer der Kollegen verurteilt wegen einer völligen Vanalität,
00:28:03: einem Take-Home bei Benzodiazepinenabhängigkeit, was auf dem Land anders überhaupt nicht machbar
00:28:09: ist. Das ist ja ein Dilemma vom Allerfeinsten. Gerade instabile Patienten könnte man eigentlich
00:28:15: mit Take-Home nicht versorgen. Wachs ist, man macht es trotzdem, weil anders kannst du
00:28:18: die auf dem Land nicht substituieren. Die verfügen ja jetzt nicht gerade über ein
00:28:21: Branche vor der Haustür. Also das ist allenfalls mal ein Drahtesel und das ist dann für die
00:28:27: winterlichen 50 Kilometer zum Substitutionsarzt nicht das richtige Verkehrsmittel.
00:28:31: Und dann wurden halt diese Veränderungen der BTMVV daraus und eine Richtlinie der Bundesärztekammer
00:28:38: und die Kollegen in Niederbayern haben sich beruhigen lassen und wir haben neue Bedingungen
00:28:42: bekommen. Und unter den Bedingungen kann man sagen, kann man jetzt einigermaßen vernünftig
00:28:46: arbeiten. Davor war es so, dass im Schnitt ein bayerischer Substitutionsmediziner einmal
00:28:52: im Leben mindestens rechtskräftig im Zusammenhang mit seiner Arbeit verurteilt wurde. Und das
00:28:57: kann man sagen, ist jetzt nicht mehr so. Also die Angst kann man nehmen einem jungen Mediziner-Medizinerin?
00:29:02: Ja, die Angst ist die eine Angst. Die andere Angst ist, es gibt viele Ängste. Also das
00:29:05: ganze Leben besteht aus Ängsten in der Sucht oder bzw. auch in der Arbeit mitzüchtigen.
00:29:11: Die andere Angst, die sehr viele Kollegen plagt, es ist, was machen eigentlich meine
00:29:15: anderen Patienten, wenn jetzt lauter Sucht dies rumhängen? Das lehrt mein Wartezimmer. Sind
00:29:20: die Wartezimmer compliant? Und dann gibt es auch Ärzte, die dann ins Wartezimmer gerufen
00:29:24: haben, ist noch abschauen im Wartezimmer. Also sowohl ärztlicherseits als auch Patientenseits
00:29:29: gab es durchaus ordentliche Vorurteile. Das ist, glaube ich, auch sehr viel besser geworden.
00:29:34: Was ist so ein Vorurteil, was man da haben kann, wo Sie sagen, das stimmt nicht?
00:29:39: Also es gibt zwei Vorurteile. Erstens, dass derjenige, der süchtig ist, das Verhalten
00:29:46: einfach nur dadurch ändern kann, dass er aufhört. Das ist lange nachgewiesen und in der Praxis
00:29:53: dauernd erprobt, das funktioniert einfach nicht. Also jemand zu sagen, er soll doch einfach
00:29:58: aufhören, das geht nicht. Kein Arzt oder auch kein Angehöriger käme je auf die Idee,
00:30:03: einem Diabetiker zu sagen, er soll doch endlich mal sein Lüttruckmittel oder sein Diabetes-Mittel
00:30:09: sein lassen. Aber beim Suchtpatienten verlangt man das ständig und fragt ihn auch ständig,
00:30:14: wann kommst du endlich davon los? Sucht ist eine langwierige, wenn nicht lebenslange Erkrankung
00:30:21: und auch ein Mensch, der abstinent lebt, wird immer ein Suchtpatient bleiben. Und das zweite
00:30:29: ist, dass diejenigen, die im Straßenbild auffällig sind, die stellen ja nur eine absolute
00:30:38: Minderheit der Suchtpatienten da. Bei den Alkoholabhängigen, da wird ganz anders damit
00:30:43: umgegangen als bei den Drogenabhängigen. Und die Drogenabhängigen sind keineswegs
00:30:49: gefährlich für die Gesellschaft. Vor allem, dass auch alle über einen Kamm geschoren werden.
00:30:54: Also wenn ich in der Arbeit oder irgendwo, ich weiß noch einmal, kam es raus, dass ich
00:30:59: substituiert bin und bei uns in der Arbeit wurde dann mal irgendwo geklaut und dann
00:31:04: war es ganz, ganz klar, ach, das ist sicher die. Weil ich wollte eigentlich anfangen,
00:31:09: ich wollte ja offen damit umgehen, dass ich substituiert bin. Muss ich aber leider bis
00:31:16: heute sagen, dass ich das nicht, ja nicht jedem raten würde. Also ich, es ist schwierig
00:31:22: und auch in der Familie natürlich war am Anfang auch die Angst und auch bei meinem
00:31:28: Lebensgefährten, der sich gar nicht mit Drogen auskannte. Der hat gedacht, ich nehme irgendwas
00:31:32: und mein, dass ich nicht ganz normal im Kopf bin. Natürlich gibt es genügend, die die
00:31:37: Vorurteile auch eindeutig, auch bei uns sicher unter Patienten, die die Vorurteile bestätigen,
00:31:43: die dann rumhängen laut sind, aggressiv sind oder so. Aber das sind meist Leute mit
00:31:49: Beikonsum. Und als wenn man, also ich finde, wenn man stabil substituiert ist,
00:31:54: kann man ganz normal in der Gesellschaft leben und es fällt auch, also von mir wissen
00:32:03: es viele nicht und glauben es auch gar nicht, wenn sie mich das erste Mal sehen, obwohl
00:32:06: ich wirklich sehr langabhängig war und auch stark geschädigt bin körperlich. Aber mir
00:32:12: sieht man es auf den ersten Blick nicht an. Ja, wenn ich so einen Unbegriff nennen mag,
00:32:18: dann fällt mir sofort einer ein, der mir immer zuerst ein fällt, es ist der Begriff
00:32:21: Schuld. Ein Suchtpatient ist nicht Schuld an seiner Sucht. Der Einstieg ist extrem
00:32:31: unterschiedlich. Es gibt sehr viele, also vielleicht die größte Gruppe darunter, die
00:32:36: steigt so ein, dass sie irgendwie ein Problem hat, zum Beispiel irgendwie ein Mädchen
00:32:40: anzusprechen oder so, immer schüchtern und in der Klasse immer sich weggduckt, weil
00:32:46: einfach Angst vor der Reaktion der Klassenkameraden, dann werden verschiedene Sachen rumgereicht
00:32:51: auf den Partys, bei einer bleibt man hängen, weil auf einmal geht alles ganz toll. Hier
00:32:56: wird überhaupt keine Hemmung mehr an zu quatschen. Selbst wenn sie mich schlagen, ist mir völlig
00:33:00: wurscht, ich habe Mut, warum heißt die Substanz Heroin. Aber ist so jemand, der dann sagt,
00:33:06: oh wow, das hat mir geholfen, ich nehme das nochmal, ist der dann Schuld an seiner Suchterkrankung?
00:33:12: Er hatte bestimmt nie vorerzüchtig zu werden. Also ich denke ein Vorurteil ist auch, dass
00:33:19: gerade Suchtkranke aus dem Drogenbereich ja nicht gesellschaftlich funktionieren können
00:33:28: und ich habe zum Beispiel eine Freundin, die war immer, also fast von Anfang an substituiert,
00:33:38: anfangs über ihre Oma, die ihr Schmerzmittel besorgt hat, die hat ganz normal ihre Schule
00:33:44: abgeschlossen, hat studiert und arbeitet seit 40 Jahren als Lehrerin und niemand käme
00:33:51: je auf die Idee, dass sie substituiert ist. Also es ist doch ausmöglich, dass man ein
00:34:00: vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist, auch wenn man substituiert ist. Also ich denke,
00:34:08: es kommt immer auf ein Einzelfall darauf an, was derjenige für Probleme mitbringt und
00:34:14: ob er breit ist, dran zu arbeiten, aber ein normales Leben ist möglich.
00:34:19: Ich möchte noch anmerken, dass letztendlich eigentlich die Substituzion Therapie vielfältiger
00:34:25: und auch einfacher geworden ist. Also so wie auch die Hepatitis-Behandlung, mittlerweile
00:34:30: eine Hepatitis C-Behandlung, eine einfache Therapie geworden ist, so ist vieles in der
00:34:35: Substitutionsbehandlung auch einfacher geworden. Es gibt eine ganze Reihe von Medikamenten,
00:34:40: die wir heute einsetzen können, die auch noch immer überschaubar sind, aber die dann
00:34:47: individuell an die Bedürfnisse des Patienten auch besser angepasst werden können. Und
00:34:51: wir können zum Beispiel Patienten, die auch bisher täglich in eine Praxis gehen mussten,
00:34:56: zum Beispiel mit einem Prenorphin-Depot, eine Wochenbehandlung oder sogar eine Monatsbehandlung
00:35:02: anbieten, die bekommt dann einmal in der Woche was gespritzt oder sogar einmal im Monat nur.
00:35:06: Das ist dann für besonders stabile Patienten geeignet, die halt dann auch arbeiten oder
00:35:12: ihrem Familienleben besser nachgehen können oder für Einrichtungen wegen Gefängnissen
00:35:18: oder auch mittlerweile schon in Pflegeheimen. Also das ist nicht alles schwerer geworden
00:35:24: in das Suchtmedizin, es ist teilweise vereinfacht worden. Und man muss auch sagen, dass die
00:35:29: Konziliarregelung ja auch existiert. Es kann eigentlich jeder Allgemeinmediziner, jeder
00:35:35: niedergelassene Arzt, kann bis zu zehn Patienten substituieren, wenn er von einem erfahrenen
00:35:43: Arzt konziäriersch betreut wird. Was würden Sie einem jungen Kollegen, einer jungen
00:35:48: Kolleginnen raten, die in der Weiterbildung wahrscheinlich zum Allgemeinmediziner sind
00:35:52: oder auch in einer anderen Weiterbildung, die offen sind für das Thema Suchtmedizin?
00:35:58: Ja zunächst mal mit ein, zwei, drei Patienten anfangen, sich die Probleme und Nöte von
00:36:04: einem Patienten anhören, dann vielleicht nach Rücksprache mit einem erfahrenen Kollegen
00:36:10: eben über dieses Konziliarverfahren dann beratend zu lassen, um eben dann einzelne Patienten
00:36:18: mal einzustellen mit einem Medikament. Und da, es werden Kurse angeboten von der KV und
00:36:27: die sollten ja so absolviert werden. Und ich denke, dass es sinnvoll ist, dass man halt
00:36:31: mit wenigen Patienten mal anfängt und dann so nach und nach Erfahrung sammelt.
00:36:36: Es gibt ja die Bayerische Akademie für Suchtfragen und es gibt auch das Forum Sucht von der
00:36:45: Bayerischen Ärztekammer in Zusammenarbeit mit der BASA, also der Bayerischen Akademie
00:36:48: für Suchtfragen. Die macht sehr viel zum Thema Substitution. Jedes Jahr viele Fortbildungen
00:36:54: und da sind viele spannende Sachen dabei. Dann gibt es die Suchtkongresse von der deutschen,
00:36:59: also von meiner Gesellschaft, deutsche Gesellschaft versucht Medizin Leipzig inzwischen jedes
00:37:03: Jahr November und es gibt im Sommer den Suchtkongress hier in München, der gerade aus Fachgebieten,
00:37:11: die jetzt nicht so direkt was mit der Substitution zu tun hat, sehr ausgiebig behargt. Wenn man
00:37:17: das macht und das sind spannende Meetings, da trifft man auch die ganzen Leute und das
00:37:21: sind tolle Veranstaltungen. Wenn man das macht, dann hat man eigentlich das gesamte Toolkit,
00:37:27: was man braucht, um da vernünftig arbeiten zu können. Suchtmedizin ist jetzt nichts,
00:37:34: was man zehn Jahre studieren muss, um das zu machen. Man muss halt die Essentials kennen
00:37:38: und den Kurs machen und sich hier und da mal ein paar Zusatzinformationen reinziehen, in
00:37:43: den Qualizirkel gehen und ansonsten sich einfach auf diese Beziehung einlassen zu den Patienten.
00:37:48: Sucht, Arbeit, ist Beziehungsarbeit. Das sieht man ja auch daran, der Pflegemusselmann hat es gerade erwähnt.
00:37:54: Das sind Verhältnisse zu unseren Patienten, die dauern zehn, zwanzig oder noch längere Jahre.
00:38:02: Wunderbar. Also Sie haben das wirklich so positiv jetzt dargestellt, wenn ich selber
00:38:07: Medizin studiert hätte, könnte ich mir durchaus, und wenn ich vor allem die beiden Damen auch erlebe,
00:38:12: hier könnte ich mir durchaus auch vorstellen, noch in die Substitution oder in die Suchtmedizin zu gehen.
00:38:17: Ich wollte noch sagen, gerade für jüngere Mediziner bietet das Forum zu dem eben Markus Gerzen
00:38:23: oder auch Deborah Scholz hin oder auch Maurice Cabanes gehören, unser Vorsitzender der Deutschen
00:38:29: Gesellschaft für Suchtmedizin. Die machen auch viele Veranstaltungen. Unter anderem machen sie
00:38:34: was ganz Tolles, nämlich ein Sommercamp. Da sitzt man ein paar Tage, fünf Tage in der Regel zusammen.
00:38:39: Man feiert zusammen, man macht zusammen Sport und man macht jeden Tag sechs, acht Stunden intensive
00:38:45: Auseinandersetzung zur Suchtpersönlichkeit. Also wo es um ganz andere Dinge geht als nur um technisches
00:38:51: Wissen, sondern einfach um das Interagieren. Was ja manchmal nicht so ganz einfach ist, gerade mit
00:38:56: unserer kommunikationsschwachen Klientel. Also ich meine, es ist nicht die Damen. Also die beiden
00:39:01: waren sehr kommunikationsstark, muss man sagen. Ja, nicht jeder ist leider, also wir haben natürlich
00:39:06: Patienten Beispiele mitgebracht, die einem Mut machen. Wir haben auch immer wieder Fälle,
00:39:12: die uns den Mut fast verlieren lassen. Es sterben auch Leute natürlich auch in der Substitution,
00:39:19: wenn auch um einen Faktor vier bis zehn seltener als im normalen Sucht Straßen leben. Aber trotzdem
00:39:26: ist es immer noch ein Umfeld von viel Leid und viel Elend und es ist nicht immer möglich, dass wir
00:39:31: das bewältigen können. Aber wir arbeiten in einem Netz. Das heißt, wir sind nicht allein. Die
00:39:36: Substitutionspraxis ist nicht so eine Insel in einem stürmischen Ozean, wo 1500 Meilen nichts
00:39:42: kommt sonst. Ich denke mit unseren Ärzten, den Patientinnen, ist es gerade gut gelungen,
00:39:47: einige der Vorurteile gegen Übersuchtkrank Menschen aufzuräumen. Wir hören uns wieder in zwei
00:39:53: Wochen, wenn es dann um das Thema Darmkrebs gehen wird. Bis dahin alles Gute. Das war die Gesundheits
00:39:59: Arena, eine Produktion der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Moderation Martin Eulitz,
00:40:06: Redaktion und Technik Sandra Greisel, Angela Kieser, Marion Munke, Florian Schaller. Bleiben Sie
00:40:14: Zum nächsten Mal.
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